05/2006

„Als mich Frau M. nachts um 3:00h anrief und mir von beginnenden Kontraktionen berichtete, schien sie sehr gefasst und konzentriert. 

Obwohl die Wehen bereits in 8- bis 10-Minuten-Abständen auftraten, erklärte sie, dass diese noch „erträglich“ seien. Eine Stunde später erreichte sie mit ihrem Mann das Krankenhaus. Der Wehenschreiber zeigte  regelmäßige Kontraktionen an (alle 4 bis 5 Minuten), die bereits erstaunlich hohe Spitzen erreichten. Als ich den Muttermund tastete, war dieser bereits auf 7cm geöffnet. Ich fragte Frau M., wie sie sich die Geburt vorstellte. Als sie meinte, wir könnten ja noch eine Stunde warten, und dann würde sie gerne im Wasser gebären, sah ich sie an und gab zurück: „Ich lass´ mal das Wasser einlaufen...“ Während ich die Wanne voll laufen ließ, verarbeitete die werdende Mama konzentriert jede kommende Wehe, indem sie auf den Knien ihr Becken leicht hin- und herbewegte und ihr Mann dabei sanft ihr Sakrum massierte. Obwohl die Abstände immer kürzer und die einzelnen Kontraktionen länger wurden, schien sie die Zeit dazwischen sehr gut zur Erholung nutzen zu können, um all ihre Kräfte zu sammeln. Sie hatte ihren Kopfhörer auf und drückte in den Wehenpausen anscheinend immer wieder zu der Stelle der CD zurück, die sie am besten entspannte.

Als sie etwa gegen 5:00h in die Wanne stieg,  fühlte sie sich im Wasser sofort wohl und entspannte sich noch mehr . Sie behielt ihren Kopfhörer auf, ließ sich mit ausgestreckten Armen in der Wanne treiben und lauschte ihrer CD. Ich ließ sie in ihrer Trance weiter eine Kontraktion nach der anderen verarbeiten, was sie wunderbar auch ohne meine Hilfe fertig brachte. Ich traute mich kaum, sie zu stören und redete nur sehr leise mit ihrem Mann, der sie routiniert unterstützte. Zwischendurch dachte ich nur bei mir: "Jetzt ist sie völlig weg!" Bemerkenswert war aber, dass sie trotzdem mit kräftiger, fester Stimme antwortete, sobald ich sie ansprach, und ich dachte:"Oh, sie ist doch noch da!".

Als ihr Muttermund fast vollständig geöffnet war, benachrichtigte ich den Oberarzt. Auch während der Endphase, die keine Viertelstunde dauerte, blieb sie fokussiert und unglaublich beherrscht. Um 6:20h war Linda geboren."
 
Ursula Zöller, Hebamme
05/2006